Irgendwann stellte ich fest, dass meine handwerkliche Ausbildung wohl die falsche Entscheidung war, denn ich war völlig unzufrieden mit meinem Beruf. Ich begann also, nach neuen beruflichen Perspektiven zu suchen. Schnell stellte sich herraus, das meine wirklichen Interessen (Naturwissenschaften und IT) beruflich betrachtet zumindest ein Fachhochschulstudium erfordern. Da lag der Hase im Pfeffer, denn ich hatte nur einen Realschul- Abschluss. Bei den meisten Studiengängen ist allerdings das (Fach)Abitur Zugangsvorraussetzung. Also wollte ich diesen Abschluß nachholen.
Ich guckte mich also nach Weiterbildungs- Möglichkeiten um. Dabei stellte sich heraus, dass eine Präsenz- Weiterbildung für mich nicht in Frage kam, da ich weiterhin arbeiten mußte um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich brauchte eine flexible Bildungs- Variante. Da blieb im Prinzip nur ein Fernstudium. Das konnte ich mir zunächst so gar nicht vorstellen. Ich dachte, da sitze ich zu Hause und muß einsam für mich allein irgendwelche dicken Wälzer durchackern und werde dann zu den Klausuren bestellt. Ich zweifelte den Erfolg dieser Unternehmung an. Nach einigem Hadern meldete ich mich dann aber doch bei einer staatlich geprüften Fernhochschule für den Abi- Fernkurs an. Aber erst mal nur als Probestudium.
Nach einigen Tagen kam ein Karton von der Fernschule. Neugierig öffnete ich ihn und fand Lehrmaterial zu meinem Kurs. Desweiteren gabs einen sehr ausführlichen Studien- Ratgeber zum Ablauf des Kurses, zum Zeitmanagement und viele Lerntipps. Nach intensivem Studium der Unterlagen begann ich mit dem Unterricht.
Den Lernstoff gab es in sogenannten "Studienheften", zwischen 30 und 70 Seiten lang. Der Stoff war sehr gut erklärt und am Ende jedes Kapitels waren Aufgaben zur Selbstkontrolle enthalten. Je nach Fach war auch noch begleitendes Lehrmaterial auf Tonträgern dabei. Andere Bücher brauchte ich kaum. Nur, wenn mich etwas weitergehend interessierte.
Am Ende jedes Studienheftes gab es Aufgaben zu lösen, die zur Schule eingeschickt werden mußten und benotet wurden. Die Aufgaben waren so gestellt, dass Nachgucken nichts brachte. Denken statt Büffeln war angesagt. Das fand ich sehr sympathisch. Ich hatte den "mittleren" Einsteig gewählt, so dass viel Basiswissen aus der Realschule wiederholt wurde. Ich kam mit dem Lernen sehr gut zurecht und so buchte ich den Kurs gänzlich.
Ich suchte mir einen Halbtags- Job und senkte meine Lebenshaltungs- Kosten. Dann verbrachte ich die nächsten 2 Jahre und 7 Monate mit täglich 4 Stunden Arbeit und ca 5 Stunden lernen. Da ich den Stoff (vor allem Mathe und Physik) sehr gut verstand und gute Noten erzielte, war ich überwiegend sehr motiviert. Die Studienleiter erklärten viel zu den "Einsendeaufgaben" und standen auch sonst mit Rat und Tat zur Seite. Einige konnte ich auch 22.00 Uhr abends privat anrufen, wenn ich nicht weiterkam. Dennoch bekam ich nach 7 Monaten ein Motivationstief. Irgendwie fehlte mir etwas.
Obwohl ich die Betreuung als sehr gut empfand, wünschte ich mir den Austausch mit anderen Fernschülern oder Studenten. Ich erinnerte mich an das Angebot der Fernschule, per Internet am schuleigenen Kommunikations- Netzwerk teilzunehmen. Das kann man sich wie eine Art Online- Campus vorstellen. Ich besorgte mir also einen billigen PC und ein 56 K Modem und legte los. Der Online- Campus war echt klasse, hier traf ich Absolventen meines Kurses sowie Studienleiter und Berater. Wir tauschten rege Erfahrungen aus und halfen einander. Das brachte zusätzlich sehr viel Spaß. Das einzige, was wirklich nervte, waren die damaligen Internet- Einwahl- Gebühren und die langsame Leitung. Zum Glück ist das in Zeiten von DSL und Flatrates in den meisten Gebieten heute kein Thema mehr. Mit einigen "Mitstreitern" aus meiner Nähe traf ich mich dann auch immer wieder mal real, auch für private Unternehmungen. Die Erfahrung, dass andere Menschen sich mit den gleichen Problemen beim Fernstudium rumschlagen mußten und vor allem die Unterstützung der Anderen trieb mich unentwegt voran.
Als ich dann "hochschulzugangsberechtigt" war, bewarb ich mich an einer großen deutschen Universität um einen naturwissenschaftlichen Studienplatz. Ich erwägte zwar auch ein weiteres Fernstudium, aber der Studiengang meiner Wahl erforderte viel Labortätigkeit und war per Fernhochschule gar nicht möglich. Außerdem wollte ich die große Forschung & Lehre hautnah erleben. Ich wurde dann auch sofort zum nächsten Wintersemester angenommen.
Hoch motiviert begannen meine Kommilitonen und ich das 1. Semester. 4 Semester später waren von uns vierzig Studis noch fünf im gleichen Semester übrig. Ich sehe die Ursache vor allem in den schlechten Studienbedingungen, unter denen wir alle litten:
An unserer "Massen-Uni" wurde wegen viel zu hoher Studentenzahlen gnadenlos ausgesiebt (d.h. bei zu vielen Studierenden im Verhältnis zu wenig Laborplätzen, Seminarplätzen etc. wurden die Prüfungs- Level so hoch gesetzt, dass zwangsläufig eine bestimmte Quote durchfallen mußte). Es gab nicht wenige Vorlesungen, in denen wir auf den Fluren saßen, weil die Hörsäle unglaublich überfüllt waren. Mitbekommen haben wir von der Vorlesung natürlich nichts. Natürlich gab es auch gute bis sehr gute Vorlesungen, durch die wir besser lernen konnten. Allerdings waren die leider die Ausnahme statt die Regel.
Am Ende kamen jedenfalls nur diejenigen durch, die in der Lage waren, sich das notwendige Wissen aus vielen Büchern selbst zu vermitteln und sich nur an den Lehrveranstaltungen zu orientieren.
Das Studium an der "richtigen Uni" war für mich genau das Gegenteil meiner Erwartung. Letzlich war es (abgesehen von den praktischen Tätigkeiten) nichts anderes als ein Fernstudium. Nur mit schlechterem Lehrmaterial und den weitaus schlechteren Bedingungen.
Nach meinem Präsenzstudium absolvierte ich interessehalber noch ein kleines Weiterbildungsstudium an einer Fernhochschule. Die Qualität ist in etwa mit meinem ersten Fernstudium vergleichbar. Die Präsenz- Uni blieb hingegen weit hinter meinen Erwartungen zurück. Wer an einer Präsenz- Uni studieren möchte, sollte dringend die aktuellen Rankings lesen.
Ich würde jedenfalls nicht mehr an eine deutsche Präsenz- Uni gehen, auch wenn meine Erfahrungen vielleicht nicht repräsentativ für die deutsche Hochschul- Landschaft im allgemeinen sind. Die Lehrkonzepte an Fern(hoch)schulen überzeugen mich bei weitem mehr.
viele Grüße

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